Das diesjährige Kunstereignis auf der Isola Bella im Lago Maggiore steht unter dem Thema:

„Die Versuchung des Heiligen Antonius“

Wir kennen berühmte Druckgraphiken und Gemälde zu diesem Thema aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, angefangen bei Martin Schongauer (vor 1481) bis zu Jacques Callot (1635), von Hieronymus Bosch (vor 1500) über Matthias Grünewald (1513-1515) bis zu David Teniers d.J. (1635/1645).

Nach Jahrhunderten, in denen man dieses Bildthema eher selten behandelte, wurde es 1947 zum Thema eines Wettbewerbs, an dem sich Künstler wie Max Ernst, Dorothea Tanning und Salvador Dalí beteiligten. Einige der Bilder, die seinerzeit entstanden, sind berühmt und in Reproduktionen weltweit verbreitet worden.

Und nun also „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ im Rahmen des Künstlerprojekts „Lo Spirito del Lago“ auf der Isola Bella. 14 Künstlerinnen und Künstler aus fünf Nationen gestalten jeweils einen Raum auf der Insel.

Woher stammt das anhaltende oder auch neue Interesse an diesem Thema?! Während der Heilige Antonius der katholischen Kirche (251/252 bis 356) als Vorbild für die Festigkeit im Glauben diente, als einer, der sich durch kein Ereignis von seinen Gebeten und seiner Hinwendung auf Gott abhalten ließ, sehen wir heute in diesem Thema eher eine Wiederkehr des Verdrängten. Die Geister, die wir vorschnell gebannt glaubten, kehren zurück – seien es Geldgier, Machthunger, Größenwahn und andere Themen, mit denen wir uns nicht beschäftigen möchten.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Ende des kalten Krieges dachten viele, es beginne ein Zeitalter des Friedens und der Kooperation. Aber die bösen Geister sind zurückgekehrt und haben uns Terror und heiße Kriege beschert. Und so sehr wir auch die Augen verschlossen gehalten haben, um die Überalterung unserer Bevölkerung und die daraus resultierenden Schwierigkeiten für Sozial- und Rentensicherheit nicht sehen zu müssen – auch diese Gespenster eines Sozialabbaus lassen sich nicht mehr wegschließen. Ob Beten allein hilft, wie einst beim Heiligen Antonius, darf heute bezweifelt werden. Die Politiker, die Parteien, die Gesellschaft und also auch die Künstler unserer Zeit müssen andere Wege finden.

Lassen Sie sich davon überraschen bei einem Besuch auf der Isola Bella im Sommer 2003. Dass Sie bei Ihrem Rundgang über die Insel eine alte Majolika-Darstellung des Heiligen direkt gegenüber vom Hotel/Ristorante Elvezia finden werden – dort, wo der größte Teil der Rauminstallationen zu finden ist –, stellt naturlich nur den äußeren Anlass dar, sich dieses alten und dennoch so aktuellen Themas anzunehmen.

Dr. Hartmut Kraft