Vom Schlossverwalter haben wir einen Raum zur Verfügung bekommen. Einzige Auflage: Entrümpeln.

Es ist eines dieser alten Inselhäuser, aus Granit aufgemauert, den Boden bilden große Granitplatten. Jahrzehntelang war der Raum unbewohnt. Der letzte Bewohner, der in den 50erJahren starb, war ein Fischer namens Peder. Er soll ein kauziger Einsiedler gewesen sein, etwas merkwürdig, aber was heißt das schon auf so einer kleinen Insel.

Lia, die Grande Dame der Isola Bella, ist entzückt, dass wir den Raum nutzen werden. „Dieses Haus“, sagt sie, „ist etwas ganz besonderes. Es steht auf dem ehemaligen Friedhof der Insel und hat eine geheimnisvolle Aura. Es wird von einem Geist bewohnt. Unter den Bodenplatten befindet sich das Grab eines Ermordeten, dessen Tod nie gesühnt wurde. Er kommt nicht zur Ruhe.“

Oh je, denken wir, wie passend zum Spirito-Projekt!

Das Entrümpeln entpuppt sich als Schwerstarbeit, denn da es auf der Insel schwierig ist, Dinge zu entsorgen, haben die Einwohner immer fröhlich alles nicht mehr Brauchbare hier hineingestellt. Es muss amüsant für sie sein, dass ein paar Künstler den Sperrmüllservice übernehmen – und auch noch umsonst! Aber als der Raum leer ist, sind wir fasziniert. Die Wände tragen noch alte Bemalungsreste, die Deckenbalken sind dicke Eichenstämme, und eine Wand wird von einem riesigen Kamin mit dicker schwarzer Patina eingenommen. Der Abschlussstein im Kamin ist mit seiner geschwungenen Oberkante als barocker Grabstein zu erkennen.

Für die Inszenierung an diesem wunderschönen Ort haben wir Apostolos Palavrakis eingeladen, der faszinierende Rauminstallationen macht. Er ist auch begeistert, hört sich die Geschichten über das Ca‘ del Peder an und erklärt, er werde mit seinem Werk die Geister bannen.

Aber zuerst soll alles mal ordentlich sauber werden. Mit einem Schlauch spritzt er Decke, Wände und Boden ab, kehrt den Schmutz vor die Tür und meint, in einigen Tagen sei alles wieder trocken.

Er fährt nach Deutschland zurück und erarbeitet das Konzept. Eine Woche vor der Vernissage kommt er wieder, beladen mit Lampen, Lautsprechern, Kabeln, zentnerweise Salz und 40 Neonröhren. Seine Idee ist, eine Grabplatte aus weißem Licht in den Raum zu legen. Bedeckt ist die Platte mit Salz, im Salz liegt der Gipsabguss des Kopfes eines phönizischen Königs. Unter der Platte her hört man die Rezitation eines Gedichtes von Ezra Pound.

Toll! Zunächst muss Strom gelegt werden, das geschieht mit ein paar Kabeln quer über die Gassen vom Hotel Elvezia her.

Apostolos möchte nicht gestört werden, kein Problem, wir haben genug zu tun. Als er fertig ist, lädt er uns alle zum Anschauen ein, am Ende drängt sich die halbe Insel in seinem Raum. Alle sind sehr beeindruckt und wir glücklich.

Am nächsten Tag will Apostolos noch etwas am Ton verbessern. Ihm fällt auf, dass das Salz nicht mehr körnig, sondern matschig ist. Also Tür auf, Luftzug machen.

Noch einen Tag später ist die Katastrophe da: das Salz hat sich komplett verflüssigt, das salzige Wasser ist hinunter getropft auf die Neonröhren, schon beginnen die elektrischen Teile zu korrodieren.

Panik bricht aus. Erst mal das Salzwasser entfernen, aber wie? Also alles wieder auseinander nehmen, die Glasplatten vorsichtig raustragen, die Neonröhren trocknen – einige tun’s schon nicht mehr – den Salzbrei von den Granitplatten wischen.

Tja, Salz ist hygroskopisch, und Apostolos hatte den Raum vorher unter Wasser gesetzt. Kleine Anmerkung: In den folgenden vielen Jahren ist der Raum nie wieder trocken geworden.

Aber die Installation muss gerettet werden. Neue Neonröhren lassen sich beschaffen. Doch wie ersetzt man das Salz? Peter führt viele Telefongespräche mit Chemikern, Pharmakologen, bekommt viele gute Ratschläge, aber einen Tag vor der Vernissage haben wir immer noch nichts Passendes gefunden. Wir rennen in alle Läden, alle Supermärkte, was sieht aus wie Grobsalz? Und dann stehen wir vor einem Regal mit Tierfutter, und da ist die Lösung: Hundereis!

Am Vernissageabend öffnen wir feierlich die Tür zum Ca‘ del Peder, die Installation in ihrer strahlenden Weiße in diesem braunschwarzen Raum überwältigt jeden.

„Was ist das für ein Salz?“, werden wir gefragt, „Es hat so einen schönen goldenen Schimmer!“

Wir grinsen.

Birgit Kahle