„di-lago“ – der Titel ist ein Wortspiel zu dem Verb dilagare. Zum Einen bedeutet es überfluten, aber auch sich verbreiten, überhandnehmen. Wörtlich übersetzt „vom-See“ oder „ich überschwemme“.

Was ist ein Raum für Kunst?

Eine Galerie, ein Museum. Eine Sammlung ist ein Tresor, zu dem wenige Auserwählte Zugang haben. Das Künstleratelier, wo alles entsteht. Der öffentliche Raum oder sogar die freie Natur, für die Mutigsten und die Romantischen. Der Tempel, der Kultraum, die Höhle, aus der heraus alles begann.

Seit den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ist es sicherlich der „white cube“, ein neutraler Ort per Definition, in dem die Koordinaten von Raum und Zeit keine Gültigkeit haben zugunsten einer absoluten und sakralen Betrachtung des Kunstwerks, das so unausweichlich auch zum Marktprodukt wird (Brian O´Doherty, Inside the White Cube).

Aber was passiert, wenn das Kunstwerk das Atelier oder die weißen Galeriewände verlässt, um auf die lange verlassenen Räume einer Villa aus dem siebzehnten Jahrhundert zu treffen?

Hier vereinigen sich – vor allem – eine künstlerische und eine kuratorische Handlung. Eine behutsame aber entschiedene Aktion, die die Möglichkeiten eines Dialogs zwischen einem an Historie reichen Ambiente und zeitgenössischer Kunst erforschen will. Die Kunstwerke verändern sich und lassen sich mit ihrer Umgebung auf ein wechselseitiges Spiel von Geben und Nehmen ein.

Mit diesen „fließenden“ Gedanken zum Raum konnte das Thema der Ausstellung nur das des Wassers sein. Wasser, das sich verbreitet, dessen Präsenz stark zu spüren ist, aber das sich in der Villa Nigra nicht bemerkbar macht, wenn man nicht wie eine Drohne emporsteigt, um neue Blickwinkel zu erfahren.

Wasser von Bächen und Flüssen, die von den Hügeln des Cusio und des Vergante kommen und sich in der fruchtbaren Ebene rund um Novara vereinigen, um dort auf das Wasser der Kanäle und der Reisfelder zu treffen.

Heiliges Wasser der antiken und mittelalterlichen Taufkapellen, die zahlreich in der Diözese von Novara zu finden sind, mit der wuchtigen Präsenz des Steins und heute nur noch eindrucksvolle Erinnerung an das Wasser, das die Körper der ersten Christen wusch.

Und noch mehr Wasser, der Industrie, der Häuser, der Handwerksbetriebe. Wasser vom Himmel, das die Berge zwischen den Seen ausgiebig badet.

Das Wasser vom Ortasee, einst zum Tode verurteilt und dann doch gerettet, das Wasser einer einzigartigen Villa, die ihrem unabwendbaren Schicksal entgegen ging, und jetzt – dank der Bemühungen einer Gemeinschaft – ein Geschenk für die Öffentlichkeit wird, und in der auch die Kunst ihren Platz findet und den Samen für die Wiedergeburt legt.

Text: Giorgio Caione
Alle Fotos: B. Kahle, G. Zanzi