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2003: Die Versuchung des heiligen Antonius

2002: Hic sunt Leones

Einführung in ein zeitgemäßes Thema

von Hartmut Kraft

Warum heute?

Diese Einführung ist dem Werk "Lo Spirito del Lago – Isola Bella: 2003 / Die Versuchung des hl. Antonius" entnommen, das zum Preis von EUR 15,00 zuzügl. Verpackungs- und Versandkosten über die Geschäftsstelle des Vereins erhältlich ist.

Auf der Isola Bella im norditalienischen Teil des Lago Maggiore ist gegenüber dem Hotel Elvezia eine große, bemalte Kachel in die Wand des Nachbarhauses eingelassen. Sie zeigt den Hl. Antonius mit seinem Begleittier, dem Schwein. Längst bevor eine Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern ihre Rauminstallationen zum Thema „Die Versuchung des Hl. Antonius“ in den Zimmern des Hotels und angrenzenden Häusern gestaltet haben, war also der Heilige auf der Insel präsent. Wie schon in den sechs Jahren zuvor schaut er auf die zeitgenössischen Kunstwerke des Projekts „Lo Spirito del Lago“, die in jedem Sommer ein Gegengewicht zu dem barocken Schloss der Borromäer bilden.

Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts ist „Die Versuchung des Hl. Antonius“ von vielen Künstlern gestaltet worden. Hieronymos Bosch (vor 1500). Matthias Grünewald (1513 - 1515), Jacques Callot (1635), und David Ryckaert III. (um 1650) haben es neben vielen anderen Künstlern ihrer Zeit zu einem populären Bildthema gemacht. Worin jedoch liegt die Aktualität dieses Themas? Handelt es sich denn nicht nur um eine phantasievoll ausgeschmückte Heiligenlegende, zumal eine Legende, die selbst breite Kreise gläubiger Katholiken lediglich bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts in ihren Bann gezogen hat? Warum aber haben dann Künstler wie Paul Cézanne (1869/70), Alfred Kubin (1910/1912), Bernard Schultze (1981) oder Antonius Höckelmann (1999/2000) dieses Thema immer wieder aufgegriffen? Warum wurde in den Jahren 1946/47 in Hollywood sogar ein Kunstwettbewerb mit illustren Juroren wie Marcel Duchamp als Künstler, dem Museumsdirektor Alfred H. Barr und dem Galeristen Sidney Janis ausgeschrieben? Die von Salvador Dali seinerzeit gemalte Versuchung ist bis heute eines seiner berühmtesten und am häufigsten reproduzierten Gemälde. Warum also, so können wir abschließend fragen, haben sich im Jahre 2003 nun 14 Künstlerinnen und Künstler auf der Isola Bella zusammengefunden, um erstmalig die „Versuchung des Hl. Antonius“ in Rauminstallationen zu gestalten?

Die Antwort auf diese Frage liegt in der Lebensgeschichte des Heiligen, allerdings mehr in ihren fiktonalen Anteilen als etwa in den realen Begebenheiten.

Die Fakten

Antonius wurde 251 oder 252 n. Chr. in Kome (heute: Keman el-Aruss), einer Stadt in Mittelägypten geboren. Zu dieser Zeit hatte sich dort das Christentum bereits ausgebreitet. Infolge des Anwachsens der Gemeinden mit den daraus sich ergebenden Lockerungen des religiösen Lebens und Eifers kam es zu einer asketischen Gegenbewegung. Einzelne Männer trennten sich von ihren Gemeinden und Ortschaften, um als Eremiten ihren Weg zu Gott zu finden. Antonius war einer der ersten oder gar der erste dieser Männer. Mit zwanzig Jahren verschenkte er seinen Besitz an die Armen und zog sich zurück, um sich in sexueller Enthaltsamkeit, Askese und Einsamkeit ganz dem Studium der Heiligen Schrift widmen zu können. Später sonderte er sich noch weiter ab und wohnte in der Wüste, die als Sitz der Dämonen galt. Antonius entschied sich also, einen in seiner Zeit und Gemeinschaft eigenwilligen, neuen Weg zu gehen. An ihn gestellte Erwartungen als junger, vermögender Mann aus adligem Hause erfüllte er nicht, sondern er widmete sich ganz dem, was ihm zentral wichtig und bedeutsam erschien. In dieser Selbstbestimmung und Neuorientierung, die für ihn durch keine Vorbilder geprägt war, liegt ein Grundmuster von bleibender Aktualität. Hierin können sich alle, die eine neue Orientierung und einen eigenen Weg in ihrem Leben suchen, leicht wiederfinden.

Später wohnte Antonius an weniger unzugänglichen Stellen und blieb keineswegs ein weltabgeschiedener Einsiedler. Er wurde von vielen Menschen aufgesucht, die ihn um Rat und Hilfe fragten. Schon zu Lebzeiten wurden ihm Wunder und Prophezeiungen zugeschrieben. Immer wieder mischte er sich auch in das politische Leben ein, unterstützte verfolgte Christen zu Anfang des vierten Jahrhunderts und bekämpfte den Arianismus, der die Wesenseinheit von Gottvater und Jesus in Abrede stellte. Er korrespondierte mit Kaiser Constantin und erlebte die Anerkennung des Christentums durch ihn im Jahre 313 n. Chr. Hochbetagt verstarb er im Jahre 356.

Die Legende

Eine erste Biographie über den Hl. Antonius wurde unmittelbar nach seinem Ableben bereits zwischen 356 und 372 n. Chr. in Briefform vom Hl. Athanasius verfasst, der als Bischof von Alexandria Antonius noch persönlich gekannt hatte. In ausgeschmückter Form findet sich die Lebensgeschichte später in der „Legenda aurea“ wieder, einer Sammlung von etwa 250 Heiligenerzählungen, die der Erzbischof Jacobus de Voraigne um 1270 n. Chr. in lateinischer Sprache verfasste. In späteren Abschriften und Übersetzungen verlor sich der geisteswissenschaftliche und geschichtliche Aspekt zugunsten einer Ausschmückung der Wundergeschichten. Die Dramatik der Kämpfe des Heiligen faszinierte die Gläubigen wie die Künstler gleichermaßen, es waren und sind Herausforderungen an unsere Imaginationen. (In einer zeitgemäßen Form hat Apostolos Palavrakis diesen Aspekt des Kampfes, der Verwirrung, des Verlierens allen sicheren Halts in seiner Installation miterlebbar gemacht.) Auch wenn auf dem Konzil von Trient (1545 - 1563) die „Legenda aurea“ auf den Index gesetzt wurde, waren die vielfach ausgeschmückten „Versuchungen des Hl. Antonius“ nun im Bewusstsein der Menschen des wundergläubigen Mittelalters verankert. Wie nur selten sonst konnte der Zwiespalt aller moraltheologischen Vorstellungen von Himmel und Hölle, von Glaube und Unglaube – letztlich also der Kampf von Gut und Böse – anschaulich gemacht werden.

Wer darin nun eine überholte christliche Schwarz-Weiß-Malerei erkennen will, sieht sich zu Beginn des dritten Jahrtausends unversehens den gleichen Denkschemata gegenüber: Die „Achse des Bösen“ wird vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush beschworen, und der längst als überwunden geglaubte Kampf zwischen Gut und Böse kehrt nach Zusammenbruch des Kommunismus als weltweiter Kampf gegen ein weithin unsichtbares Terrornetzwerk als „Ausgeburt des Bösen“ wieder! Differenzierte Sichtweisen, die im Anderen auch das Eigene erkennen, die sich um ein Mit- und Nebeneinander verschiedener kulturell geprägter Sicht- und Lebensweisen bemühen, drohen auf eine überaus schlichte und altbekannte Spaltung in Gut und Böse reduziert zu werden! Es war nur die kurze Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands und dem Zusammenbruch des Kommunismus, die uns glauben machte, dass diese grob vereinfachenden Denkkategorien überwunden seien. Sie sind es offensichtlich nicht. In ihrer Grundthematik der Spaltung der Welt und des Denkens in Gut und Böse ist die „Versuchung des Hl. Antonius“ leider erneut von höchster Aktualität. (Auf diese grundlegenden Aspekte von Spaltung oder Verdrängung nimmt Peter Gilles in seiner Installation Bezug.)

Die drei Themen der Versuchung

In den Ausschmückungen mittelalterlicher Autoren zur Versuchung des Heiligen lassen sich drei Themen voneinander unterscheiden: Die Versuchung durch schöne Frauen, der Überfall durch grausige Monster, sowie das Angebot von Macht und Reichtum.

Die erotischen Verführungsversuche und die körperlichen, höchst aggressiven Angriffe der Monster auf Antonius lassen sich aus heutiger Sicht leicht verstehen als eine Wiederkehr des Verdrängten in Form von wahnhaften Vorstellungen. Der Durstige träumt von Wasser, der hungrige Asket vom reich gedeckten Tisch, (wie es in der Arbeit von Giampiero Zanzi der Fall ist), der sexuell Enthaltsame von der Sexualität mit schönen Frauen. (Auf diese Wiederkehr verdrängter, vor allem sexueller Themen beziehen sich die Installationen von Horst Gläsker, Ale Guzzetti, Birgit Kahle, Ingeborg Lüscher, Antonio Riello und Cinzia Ruggeri; dieses Thema fasziniert die Künstler heute nicht weniger als die Künstler früherer Jahrhunderte.) Der Sanftmütige schließlich, der niemals mit der Faust auf den Tisch schlagen würde, wenn er bedrängt wird, verdrängt seine wütende Reaktion nicht nur, häufig projiziert er sie nur allzu leicht auf seine Kontrahenten. (Birgit Kahle greift, ebenso wie Peter Gilles, diesen aggressiven Aspekt in ihrer Installation mit auf.) Je stärker die eigenen Impulse abgewehrt werden, desto fremder und unverständlicher erscheinen dem Betroffenen dann seine aus der eigenen Innenwelt entstandenen und auf andere Menschen verschobenen (projizierten) Erlebnisse: Nicht ich bin hungrig, durstig, nicht ich habe sexuelle Wünsche und aggressive Reaktionen und Tendenzen – es sind die Anderen, die mich verführen und verfolgen! Ich bin das Opfer – nicht die Quelle, nicht der Täter oder Verursacher. Diese Ablehnung der Verantwortung für die eigenen Gedanken und Gefühle gehört zu den Standardreaktionen aller Menschen – nicht nur der Asketen und Anachoreten als asketisch lebenden Einsiedlern.

Gerade 2003, im Jahr der Installationen auf der Isola Bella, lassen sich diese Phänomene überaus leicht beobachten. Es wird über Generationenverträge, über die Belastungen zukünftiger Generationen, über die Überalterung der Bevölkerung lauthals und kontrovers diskutiert – es ist, als seien alte Menschen und Kranke als gefräßige Monster gerade erst aus dem Nichts aufgetaucht. Wir müssen aber nur wenige Jahre zurückdenken, da wurde auf Rentensicherheit und den Anspruch auf eine medizinische Rundumversorgung gepocht, ganz so, als seien die demographischen Daten einer aus den Fugen geratenen Alters-Pyramide noch gar nicht bekannt gewesen! Was wir jetzt mit den Kämpfen um einen Umbau des sozialen Sicherungssystems erleben, ist schlichtweg die Wiederkehr des Verdrängten, die Wiederkehr all dessen, was wir – weil unangenehm – so lange, zu lange verdrängt und verleugnet haben. Wie sollten wir über die Versuchungen des Heiligen lächeln können, ohne über unsere persönliche, politische und gesamtgesellschaftliche Blindheit lauthals zu lachen?! Dass das Lachen ein Weinen oft nur mühsam überdeckt, ist allgemein bekannt.

Das Angebot von Macht und Reichtum spielt in den Ausschmückungen der Legenden um den Heiligen nur eine untergeordnete Rolle, wird aber gelegentlich beschrieben. Hier handelt es sich nun nicht um eine Triebgefahr, sondern um eine narzisstische Verführung. (Diesen Aspekt hat Enrique Asensi in seiner Arbeit aufgegriffen.) Auch hierin ist unsere Gesellschaft zum Jahrtausendwechsel dem Heiligen nahe. Träume vom schnellen Geld bei Aktienspekulationen sind hart auf den Boden der Realität aufgeschlagen, wo all die Verführungen durch eine „new economy“, durch windige Internetfirmen und überblähte, hastig zusammengekaufte Firmenagglomerate mit schnellem Verfallsdatum lagern. Der Verführung durch raschen Machtzuwachs und leicht erworbenen Reichtum sind viele erlegen, die sich im Nachhinein vielleicht besser an der Standhaftigkeit des Heiligen orientiert hätten. Aber auch der Körperkult, der Schönheits- und Jugendwahn tragen einen Punkt in sich, wo Fortschritt und Gesundheitsförderung umschlagen in Selbstschädigung. Dies gilt erst recht für die heute breit diskutierten genetischen Forschungen und Einflussnahmen. Wir brauchen nur an die Möglichkeit einer Freisetzung Gen-manipulierter Krankheitserreger denken, um ein Horror-Szenarium vor Augen zu haben, das den mittelalterlichen Gemälden in nichts nachsteht. (Harald Fuchs hat in seiner Installation unsere Verführbarkeit durch die früher einmal ungeahnten Möglichkeiten der Genmanipulation eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht.)

Die Attribute

Wenn wir die dramatisch ausgeschmückten Versuchungssituationen verlassen, stoßen wir auf einige Attribute, die den Heiligen auch jenseits von sex & crime für uns als Betrachter leicht erkennbar sein lassen. Künstler aller Zeiten haben sich des Feuers, des Antoniuskreuzes, der Glocke und vor allem auch des Schweines bedient, um den Hl. Antonius zu kennzeichnen. Feuer symbolisiert die Sünde und das Höllenfeuer, welches die Sünder verschluckt. Antonius ist derjenige, der dieses Feuer überwindet und dementsprechend als Vorbild für den rechten Lebenswandel dient. Zugleich verbirgt sich im Feuer aber auch ein medizinischer Aspekt, das sogenannte „Antoniusfeuer“. Neben anderen Hauterkrankungen, die noch nicht genügend differenziert werden konnten, wurde hiermit ein Krankheitsbild bezeichnet, das im Mittelalter häufiger vorkam. Ein Pilz, das Mutterkorn, befiel in nassen und kalten Sommern das Getreide, vor allem den Roggen. Das darin enthaltene Mutterkorn-Alkaloid, das Ergotamin, führt zu Gefäßverengungen. In mäßiger Dosierung führt Ergotamin zu einem Blutdruckanstieg und kann zur Behandlung des niedrigen Blutdrucks (Hypotonie) verwendet werden. In höherer Dosierung jedoch kommt es zu einer derart ausgeprägten Gefäßverengung an Armen und Beinen, eventuell aber auch im Bauchraum, dass die Glieder absterben oder schwerste Bauchkrämpfe auftreten. Die dabei auftretenden brennenden Schmerzen verliehen der Krankheit den Namen „Antoniusfeuer“. Der Antoniterorden, der 1274 die päpstliche Anerkennung erhalten hatte und 1297 als Orden anerkannt worden war, widmete sich der Pflege der Kranken. Der seinerzeit reiche Orden konnte das Getreide lagern, wobei das Gift sich mit der Zeit abbaute. Allein aus diesem Grunde waren Vergiftungen durch das Essen in den Spitälern des Ordens kaum zu erwarten. Im mittelalterlichen Denken war dies ein Beweis dafür, dass auch diese Krankheit auf sündigen Lebenswandel zurückzuführen und mit der Hinwendung zum religiösen Leben zu beheben sei. (Im Spannungsfeld von Antoniusfeuer einerseits und der Hinwendung zu Kontemplation und Gebet andererseits ist die Arbeit von Ferdinando Greco angesiedelt.) Mit der Entdeckung der Ursache des Antoniusfeuers im 17. Jahrhundert und im Zusammenhang mit einer nachlassenden Dämonenfurcht verlor der Orden sein spezifisches Arbeitsfeld. 1776 wurde der Antoniterorden in den Malteserorden integriert. Dem Andenkens des Heiligen und des nach ihm benannten Ordens widmet sich heute eine kleine Fachgesellschaft, das „Antoniter-Forum e.V.“.

Auffällig ist das auf der Schulter der Antoniterkutten angebrachte T-förmige Antoniterkreuz. Es wurde nicht nur vom Kruzifix abgeleitet, sondern auch von den Krücken der am Antoniusfeuer Erkrankten, deren Füße durch die Krankheit abgefallen waren. Andere Erklärungen beziehen sich auf den letzten Buchstaben des altsemitischen Alphabets, der dem T ähnelt. Das T-Kreuz wäre in dieser Sichtweise ein Sinnbild der Vollendung des Heiligen. (Dieser Aspekt wird besonders deutlich in der Installation von Lore Bert aufgegriffen.)

Der Glocke, die Antonius wie auch dem ihn begleitenden Schwein oft beigegeben ist, können mehre Bedeutungen zugeschrieben werden. Der Klang geweihter Glocken sollte böse Geister vertreiben und die Gesunden vor einer Annäherung des Teufels warnen. (In diesem Sinne werden Glocken von Birgit Kahle verwendet.) Die Glocke wurde aber auch als eine Art Bettlerglocke von Ordensbrüdern genutzt, um sich beim Einsammeln von Gaben bemerkbar zu machen. Gleichzeitig konnte die Glocke auch die Funktion haben, das Durchtreiben einer Schweineherde durch ein Dorf anzuzeigen: Der Unrat wurde von den Hausfrauen dann direkt auf die Straße gekippt und dort von den Schweinen entsorgt.

Das Schwein ist das Wahrzeichen des Hl. Antonius schlechthin. Es findet sich in vielen bildnerischen und skulpturalen Darstellungen. Bekannterweise ist es ein Symbol der Unreinheit, somit ein Tier des Teufels. Als Begleittier des Heiligen soll es aber nicht auf den Teufel, sondern auf das Patronat des Heiligen über die Haustiere hinweisen. Außerdem spricht das Schwein das Ordensprivileg der Antonitermönche an, die ihre Schweine frei weiden lassen durften. Diese „Antoniusschweine“, die ihren Stall oft neben der Kirche hatten, wurden entweder am 23. Dezember („Jul-Eber“) oder am 17. Januar („Antonius-Tag“) geschlachtet und an die Armen der Gemeinde verteilt. (So kann es nicht verwundern, dass das Schwein gleich in drei Installationen, denen von Ale Guzzetti, Cinzia Ruggeri und Giampiero Zanzi, eine Rolle spielt.) Als aus hygienischen Gründen die Schweinehaltung in den Städten ab dem 16. Jahrhundert zunehmend eingeschränkt wurde, büßten die Antoniter mit der Zeit ihr volkstümliches Markenzeichen ein. Diskutiert wird, ob die ab dem Barock nachzuweisenden Sparschweine die säkularisierten Nachfolger des Antoniusschweins sind.

Zurück zur Aktualität

Der nachlassenden Verehrung des Heiligen und seiner Reliquien ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und dem Ende des Antoniterordens 1776 steht die ungebrochene Faszination an der Person des Heiligen und seinen Versuchungen gegenüber. Vor allem die Gemälde von Hieronymos Bosch und Matthias Grünewald üben einen ungebrochenen Einfluss auf Betrachter und Künstler bis heute aus. (Die fortdauernde Faszination der Gemälde des frühen 16. Jahrhunderts sind das Thema der Rauminstallation von Francesco Garbelli.) Im 19. Jahrhundert wurde das Thema von keinem Geringeren gestaltet als Paul Cézanne, später u. a. auch von Odilon Redon oder Lovis Corinth. Gustave Flaubert übte mit seinem Text zur Versuchung des Hl. Antonius (1874) ebenfalls großen Einfluss aus. Im 20. Jahrhundert setzten Künstler wie Alfred Kubin, Max Beckmann, Willi Geiger und Antonius Höckelmann die Auseinandersetzung fort. In der Musik ist auf Paul Hindemith mit seiner Symphonie (1934) und Oper (1935) „Mathis der Maler“ zu verweisen sowie auch auf Werner Egk, der Werke zu diesem Thema für Singstimme (1946) sowie für Chor und Orchester (1978) komponierte.

Auch wenn viele Aspekte der Lebensgeschichte und Legende hier nun unberücksichtigt bleiben müssen, kann doch deutlich werden, worin die Faszination des Heiligen und seiner Versuchungen für Künstler und Betrachter heute liegt. Zunächst ist es die „Eigen-Sinnigkeit“ des Heiligen, seine Entscheidung für einen ganz und gar eigenen, ungewohnten, ihm aber angemessenen Weg. Das scheint die Basis allen Interesses zu sein. Unmittelbar hinzu treten die Versuchungen, die einen jeden gefährden, der seinen eigenen Weg gehen will. In den Jahren 1946/1947, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs und des Faschismus, war es die Bedrohung der westlichen Welt durch den Kommunismus und durch einen Atomkrieg, die den Wettbewerb zur „Versuchung des Hl. Antonius“ in Hollywood zeitgemäß erschienen ließen. Die bösen Geister, die man gebannt glaubte, waren unmittelbar nach Ende des Krieges wieder da. Die große, von Kaspar König kuratierte Ausstellung „Westkunst“ vereinigte die Bilder des Wettbewerbs 1981 noch einmal in Köln.

Heute, fast sechzig Jahre nach dem Wettbewerb von Hollywood, hat das Thema „Die Versuchung des Hl. Antonius“ eine ganz andere, erneute Aktualität erhalten. Nach dem Ende des kalten Krieges sind wir mit einem internationalen Terrorismus konfrontiert und drohen in ein Schwarz-Weiß-Denken mit Spaltung der Welt in Gut und Böse zurückzufallen; nach Jahren des Ausbaus der sozialen Sicherungssysteme lassen sich die Überalterung der Bevölkerung und die damit einhergehenden Finanzierungslücken nicht länger verleugnen; nach unbestreitbaren wissenschaftlichen Fortschritten stehen wir vor den möglichen Gefahren einer ungebremsten Faszination durch das Machbare in den Gen-Technologie. Die Wiederkehr des Verdrängten, drohende Spaltungsmechanismen und die ewige Verführbarkeit durch Reichtum und Macht als die von den Zeiten unabhängigen Grundmuster der alten Versuchungsgeschichte sind konkret greifbar. Sie bilden die Grundlage für das Aufgreifen der alten Heiligenlegende zum jetzigen Zeitpunkt. Während es neben einigen Texten und Musikstücken immer die Druckgraphiken, Zeichnungen und Gemälde waren, in denen dieses Thema seinen Ausdruck fand, stehen wir im Jahre 2003 auf der Isola Bella erstmalig Rauminstallationen gegenüber. Sie sind seit Jahren das Kennzeichen des Künstlerprojekts „Lo Spirito del Lago“.

Ausgewählte Literatur

Antoniter-Forum.
Jährliches Periodikum des Antoniter-Forums, Gesellschaft zur Pflege des Erbes der Antoniter, Verlag der Gesellschaft, München 1993&xnbsp;ff (Geschäftsstelle: Herzog-Park-Straße 2, 81679 München)

Flaubert, G.:
Die Versuchung des Hl. Antonius. Diogenes, Zürich, 1979

Fox, R. und Witschke, E. (Hrsg.):
Lo Spirito del Lago 2000. Verlag Locher, Köln 2000 (Geschäftsstelle: „Lo Spirito del Lago e. V.”, D. Isringhaus, Heideweg 57, 50226 Frechen)

Glozer, L. (Hrsg.):
Westkunst – Zeitgenössische Kunst seit 1939. DuMont, Köln 1981

Hanakam, H.:
Antonius der Große. Herder, Freiburg 1989

Rüttgers, S. (Hrsg.):
Der Heiligen Leben und Leiden. Inselverlag, Leipzig 1913

Trebbin, H.:
Sankt Antonius – Geschichte, Kult und Kunst. Verlag Haag + Herchen, Frankfurt/M. 1994